Bewältung der Vegangenheit in der Paargemeinschaft

Traumatische Erlebnisse und unangenehme Erinnerungen aus der Kindheit ziehen sich bis in das Erwachsenenalter und auch in unsere Beziehungen hinein. Das verletzte innere Kind in der Paarbeziehung meldet seine Bedürfnisse an und das kann zu inneren und äußeren Konflikten führen.

  • Das innere Kind hat Auswirkungen darauf, wie wir unsere Beziehungen im Erwachsenenalter gestalten.
  • Sowohl die traumatischen als auch die positiven Erfahrungen in der Kindheit beeinflussen das spätere Beziehungsleben.
  • Ein wichtiges Stichwort in Bezug auf die Beziehungsfähigkeit ist das Urvertrauen. Damit ist ein allgemeines Vertrauen in andere Menschen gemeint, das sich in der Kindheit aus einer liebevollen Beziehung zu den Eltern entwickelt.
  • Destruktive Verhaltensmuster in der Partnerschaft werden in einer Therapie in Beziehung zur Kindheit gesetzt.
  • Für eine Partnerschaft ist eine annehmende Haltung gegenüber dem inneren Kind essenziell.

 

Die Auswirkungen der Kindheit auf unsere Beziehungen im Erwachsenenleben

Nicht jede Kindheit verläuft glücklich. Es gibt traumatische Erlebnisse, negative Erinnerungen und schlechte Erfahrungen.

Einige Menschen würden ihre Kindheit bis zu einem gewissen Tag als unbeschwert und glücklich bezeichnen, dann belehrt sie ein Schlüsselerlebnis eines Besseren. Sie haben die Schattenseiten ihres Kindseins regelrecht verdrängt.

Das Urvertrauen eines Menschen entsteht, in dem er als Kind bedingungslos geliebt wird.

Der hilflose und unfertige Mensch kommt in das Leben der Eltern und wird von diesen angenommen und anerkannt, ohne etwas dafür tun zu müssen. Er wird um seiner selbst willen geliebt und ist einfach nur gut so, wie er ist.

Paarbeziehung

Erfährt das Kind allerdings Ablehnung, Unsicherheiten oder gar seelische und körperliche Gewalt, erschüttert dies das Urvertrauen. Mit den Konsequenzen leben Menschen bis ins Erwachsenenalter. Sie leiden unter Selbstwertproblemen, einem hohen Sicherheitsbe-dürfnis und unter einem Grundmisstrauen gegenüber anderen Menschen.

Immer wieder beschleichen sie Zweifel, wenn ande-re sich ihnen zuwenden. Hinter jeden neuen Bekanntschaft vermuten sie eine Ablehnung. Das innere Kind in ihnen sucht krampfhaft nach dem Gefühl willkommen zu sein. Ihre Unvollkommenheit sehen sie immer dann bestätigt, wenn ihnen das nicht gelingt.

Die Erfahrungen, die wir in der Kindheit machen, prägen stark unser Wesen und die Art, wie wir Beziehungen leben. Emotionale Unterversorgungen erlebt das Kind nicht immer auf bewusster Ebene.

Zum Tragen kommt dies im Erwachsenenalter, wenn wir versuchen diese Mängel zu kompensieren. Doch sind es nicht nur die Ängste und Nöte aus der Kindheit, die uns prägen. Positive Erfahrungen, wie Liebe, Geborgenheit und Wertschätzung füttern das Urvertrauen, beziehungsweise lassen es erst entstehen. Das hilft uns dabei, als Erwachsene stabile und gesunde Beziehungen aufbauen zu können.

Das innere Kind in der Paarbeziehung

Neben der Eltern-Kind-Beziehung ist die Partnerschaft die intensivste Verbindung, die ein Mensch erlebt. Sich zu verlieben, ist für das innere Kind (zunächst) ein großes Geschenk.

Endlich ist da ein Mensch, der mich liebt, der mich annimmt, der Zeit mit mir verbringen möchte.

All die gedrosselten Gefühle aus der Kindheit kommen plötzlich hoch. Das innere Kind bekommt endlich das, wonach es sich schon so lange sehnt: wahrhaftige Liebe. Auf einmal sehen wir die Welt mit ganz anderen Augen, teilweise auf infantiler Ebene: Die Vögel singen so herrlich, der Himmel ist besonders blau, das Gras herrlich grün und jede einzelne Blume wunderschön.

Im Rausch des Verliebtseins fühlt sich das innere Kind pudelwohl. Nach seinem Befinden könnte es ewig so weiter gehen. Diese Ekstase und das Schweben auf Wolke Sieben las-sen aber irgendwann nach. Das ist vollkommen natürlich, sonst wäre der (erwachsene Mensch) kaum noch alltagsfähig.

Da selbst in der liebevollsten Partnerschaft Schwierigkeiten und Enttäuschungen nicht ausbleiben, wird das innere Kind bald auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Die Empfindungen aus der Kindheit werden mit den heutigen vermischt: Traurigkeit, Wut, Angst vor Ablehnung, Enttäuschung und so weiter. Was so schön begonnen hat, gleicht nun einem Scherbenhaufen. Damit wir die Verletzungen aus Kindestagen nicht noch einmal durchleben müssen, sperren wir das innere Kind wieder ein.

Entweder distanzieren wir uns vom Partner, ignorieren die Ent-täuschung oder lenken sie um. Der klassische Fall ist zum Beispiel das Vergraben in Arbeit oder das Beginnen einer Affäre. Da sich die Gefühle aus der Kindheit mit den heutigen vermischen, ist die Intensität der Emotionen auf einer sehr hohen Ebene.

Selten werden diese über dem Partner ergossen, sondern fast immer unterdrückt. Somit ist ein harmonisches Bezie-hungsleben kaum möglich und in der Partnerschaft beginnt es zu kriseln.

Destruktive Muster erkennen und die Partnerschaft davor bewahren

Das innere Kind äußert sich auf verschiedenen Weisen, allerdings immer mit demselben Ziel. Es fordert dass ein, was es braucht und was ihm in der Kindheit verwehrt geblieben ist. Im Folgenden sind vier Innere-Kind-Dynamiken dargestellt, die eine Partnerschaft beeinflussen können.

1. Die Trotzreaktion

Es läuft etwas nicht nach deinen Vorstellungen und sofort fahren deine Emotionen Achterbahn. Anstatt dich vernünftig mit der Situation auseinanderzusetzen, verfällst du in kindliche Trotzreaktionen. Die Angst davor, etwas nicht zu bekommen, was du dir wünschst, ist groß. Zu oft musstest du als Kind die Erfahrung machen, dass deine Bedürfnisse nicht beachtet wurden. Selbst wenn du es nicht möchtest, kannst du nicht anders als mit Wut und Trotz zu reagieren.

Das ist für eine Partnerschaft natürlich kontraproduktiv, denn so wird jede Unstimmigkeit zum Spießrutenlauf. Gibt der Partner dir in allem Recht, weil er Angst vor deinen emotionalen Reaktionen hat, ist das keine gesunde Beziehung. Versuche dir in solchen Situatio-nen eine Auszeit zu nehmen.

Ahnst du, dass ein Gespräch nicht zu deinen Gunsten entschieden wird, nimm dir 10 Minuten Zeit, bevor du dich darauf einlässt. So kannst du eine Spontanreaktion verhindern und das nimmt schon mal viel Druck aus der Angelegenheit.

2. Die Manipulation

Das innere Kind ist manipulativ und dreht die Dinge gern so, dass es gut davon kommt. Schon Kinder können das sehr gut, wenn sie Erwachsene dazu bringen, ihnen das zu geben, was sie wollen. Fällt dir dieses Verhalten auch noch im Erwachsenenalter auf, agiert hier das innere Kind.

Aus Angst, seine Bedürfnisse nicht befriedigen zu können, beginnt es zu manipulieren. Zum einen tritt es fordernd in Erscheinung und lässt dich ständig drängen. Zum anderen kann es aus Angst vor Verletzungen daran arbeiten, dass die Beziehung auf Dauer nicht standhält. Es kommt dann immer wieder zu beziehungsschädigenden Verhaltensweisen, obwohl du eigentlich gar keine Trennung möchtest.

Hier hilft nur eins: Sich in Toleranz üben und sich bewusst dafür entscheiden, die eigenen Bedürfnisse auch mal hinten anzustellen. Je offener und ehrlicher du deinem Partner gegenüber bist und je mehr er Bescheid weiß, was du benötigst, desto weniger ist ein manipulatives Verhalten nötig.

3. Die Ignoranz

Dinge zu ignorieren und zu verdrängen ist ein Selbstschutzme-chanismus, der besonders Kindern zugutekommt. Viele Verlet-zungen könnten sie gar nicht verarbeiten, also werden sie auf unbestimmte Zeit in das Unterbewusstsein verschoben.

Vielleicht ertappst du dich auch noch im Erwachsenenalter dabei, dass du mit Scheuklappen durchs Leben läufst und alles Unangenehme ignorierst. Die Angst vor Konflikten und Verletzungen ist so groß, dass Unstimmigkeiten einfach ignoriert wer-den. Lieber unzufrieden als allein lautet die Devise.

Auch wenn es schwerfällt, musst du versuchen, die Konfrontation zu su-chen. Probleme lassen sich in der Regel nicht ausschweigen, sie kommen irgendwann in doppelter und dreifacher Form zum Tragen.

Fazit

Lerne dein inneres Kind kennen und schließe Freundschaft mit ihm. Nur so erfährst du, welche Sehnsüchten in dir innewohnen und mit welchen Verletzungen du zu kämpfen hast. Sich selbst kennen und verstehen, ist nun mal die beste Voraussetzung für eine gelingende Partnerschaft.